Besser schreiben in der Wissenschaft – Interview mit Christian Martin

Christian Martin schafft Klarheit. Er vermittelt zwischen einer Welt, die sich zuweilen gern bedeckt hält und einer anderen, die mehr wissen will. Und während die eine Welt hier und da furchtsam zurückschreckt vor „Trivialisierung“ und den Zumutungen des Boulevards, beklagt die andere Unverständlichkeit und Elitengebaren. Als Schnittstellenexperte zwischen diesen Welten erbringt Christian Martin eine hochkomplexe intellektuelle Transferleistung. Eine seiner Methoden: Schreiben, um darüber zu informieren, wie wichtig für Berlin die Wissenschaft ist.

Christian Martin ist Sprecher der Berliner Einstein Stiftung, die seit 2009 die Berliner Spitzenforschung fördert. Aufgabe ist es, die große Attraktivität des Wissenschaftsstandorts weiter zu verstetigen.

Gut schreiben, besser denken

„Wenn ich schreibe, bin ich gezwungen, mich zu konzentrieren“, sagt Christian Martin. „Es hilft dem Denken auf die Sprünge und schafft Klarheit.“ Christian Martin spricht nicht von dem Schreiben, das wir in der Schule lernen oder das Unkundige nach wie vor als eine Frage des Talents ansehen. Er spricht vom Schreiben als Handwerk, das uns in die Lage versetzt, einen Gedanken beim Schreiben durchzuarbeiten und schließlich zu Ende zu denken. Klarheit auf dem Papier sorgt für Ordnung im Kopf.„Leider ist es in einigen Bereichen der Wissenschaft immer noch Usus, eher verklausuliert zu schreiben. Dabei haben Grammatik und Logik manches Mal das Nachsehen“, weiß Christian Martin aus eigener Erfahrung. „Allzu schnell verliert man in seinem eigenen Satz die Übersicht.“

Die Verwechslung der Komplexität mit dem Schachtelsatz

„Fachbegriffe sind aber nicht das Problem“, korrigiert er einen weit verbreiteten Irrtum. „Fachbegriffe kann man übersetzen oder ersetzen. Das Problem ist vielmehr, dass viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die Komplexität eines Gedankens mit Kompliziertheit im sprachlichen Ausdruck verwechseln.“ Da fügen sich dann Schachtelsätze voller Passivkonstruktionen, Nominalphrasen und Funktionswörtgefüge in endloser Reihe aneinander, Subjekt, Prädikat und Objekt – Rückgrat und Bedeutungsträger eines jeden Satzes – gehen hilflos verloren in der großen Unübersichtlichkeit.

Handwerk hilft

„Handwerk“, sagt Christian Martin. „Es ist ein Irrtum zu glauben, jeder könne schreiben. „Schreiben ist ein Handwerk, das man erlernen muss.“ Doch die deutsche Tradition der Talentmythen und des Geniekults will von Handwerk nichts wissen. Bei den leicht verhangenen Kindern der Romantik herrschen Geistesblitze und küssende Musen. Wen’s nicht getroffen hat, der hat eben Pech gehabt. Dazu kommt eine ganz handfeste Tendenz der Abgrenzung in einigen Disziplinen, betroffen sind besonders die Geistes- und Sozialwissenschaften. „Die jeweilige Fachsprache dient häufig als ein Mittel der Distinktion“, erklärt Christian Martin. „Man will sich von anderen Fächern unterscheiden und von Außenstehenden bewusst abgrenzen.“

Dilemma für den wissenschaftlichen Nachwuchs

Das daraus folgende Dilemma trifft vor allem den wissenschaftlichen Nachwuchs. Einerseits wird von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verlangt, sich mutig in jede gesellschaftliche Debatte zu stürzen, Rechenschaftspflichten gegenüber der Öffentlichkeit zu übernehmen und für die Karriere „im richtigen Leben“ mit allen Wassern gewaschen zu sein. Andererseits verlangen akademische Lehrerinnen und Lehrer, die Adepten mögen sich in der jeweiligen fachspezifischen Variante von Verklausulierung und Jargongebrauch artikulieren, wenn sie den Wunsch haben, akademische Meriten zu erlangen. Sie sollen also in einer Sprache schreiben, die für Rechenschaftsberichte oder gar für gesellschaftliche Debatten – oder für einen Job außerhalb der Wissenschaft – in keiner Weise geeignet ist.

Lieblingsausrede: Keine Zeit

„Wenn man in so einer Situation Hilfestellung anbietet, kommt fast reflexhaft die Antwort ‚Keine Zeit’“, sagt Christian Martin. Eine fatale Überzeugung, in der sich mehrere Trugschlüsse in einem Punkt treffen. „Wenn ich die Grundlagen des Schreibhandwerks nicht beherrsche, geschieht zweierlei“, erklärt der Profi. „Erstens: Ich zögere den Beginn des Schreibens unendlich hinaus, weil ich nicht weiß, wie ich anfangen soll und weil ich Angst davor habe, dass mein erster Satz für die nächsten 5000 Jahre in Stein gemeißelt ist. Zweitens: Ist mir dann doch irgendwann der Anfang gelungen, wird mein Text unübersichtlich und verschachtelt, weil ich grundlegende Regeln des Handwerks nicht beachte.“Dies alles kostet Zeit, viel Zeit und jede Menge Nerven. Wenn dann noch oszillierende Anforderungen nach „Fachsprache“ und gleichzeitig „Verständlichkeit“ im Raum stehen, kann es ungemütlich werden. Das Schreiben dauert noch länger, und die Angst vor dem Schreiben nimmt zu.

Handwerklich schreiben lernen

„Wer schreiben will oder schreiben muss, sollte sich mit den handwerklichen Grundlagen vertraut machen und sich auch einmal fragen, wie eigentlich Sprache funktioniert“, rät Christian Martin. „Dann ist es wichtig, einfach anzufangen und sich zu sagen: Die erste Fassung ist nur die erste Fassung. Sehr schnell wird man feststellen, wie das Schreiben selbst bei der Klärung der Gedanken hilft.“ Es kostet ein wenig Übung. Doch schneller als man denkt, geht die neue Fähigkeit, klar, präzise, korrekt und zugleich anschaulich zu schreiben, auf Autopilot.
Für den Schnittstellenexperten Christian Martin ist diese Fähigkeit unverzichtbares Handwerkszeug und ein probates Mittel, der bisweilen scheuen Welt der Wissenschaft in der lebhaften Unübersichtlichkeit des „richtigen“ Lebens eine wohlklingende Stimme zu geben. sw

Foto: Einstein Stiftung